Deutschland hat Orwell
längst abgehängt

Interview mit
Ex-Minister Gerhart Baum / Die Grundrechte werden immer weniger
geachtet / Politiker gegen das Volk
Köln. ”Wir sind weit
über Orwell hinaus”, mein kein Geringerer als
Gerhart Baum, FDP-Politiker und Ex-Minister im Interview mit
Hans-Detlev von Kirchbach. Thema des Gesprächs: ”10
Jahre Grundrechte-Report”. - Der Kölner
Rechtsanwalt, 1932 in Dresden geboren, war von 1972 bis 1978
für die FDP Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister des Innern und von 1978 bis 1982 selbst
Bundesinnenminister. 2004 und 2006 war er an erfolgreichen
Verfassungsbeschwerden gegen den ”großen
Lauschangriff” und gegen das
”Luftsicherheitsgesetz” beim
Bundesverfassungsgericht beteiligt.
Von Kirchbach: In diesem Jahr erscheint der
Grundrechte-Report in seinem 10. Jahr. Was fällt
Ihnen dazu ein?
Gerhart Baum: Mir fällt dazu ein: Die
Erosion der Grundrechte schreitet rapide fort. Die Staatsorgane haben
sich angewöhnt, die Grundrechte nicht mehr zu achten. Ich
mache das fest an zwei Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts,
die ich selber mit bewirkt habe: die Entscheidung gegen die Wanze in
der Wohnung, also gegen den ”Großen
Lauschangriff” 2004 und die Entscheidung gegen das
”Luftsicherheitsgesetz” im Jahre 2006. Beide sind
fundamentale Entscheidungen, die rügen, daß das
Parlament, die Regierung und auch der Bundesrat das fundamentale
Prinzip der Verfassung - Schutz der Menschenwürde - nicht
beachtet haben. - Die Entscheidung zur verdachtsunabhängigen
Rasterfahndung, die vor kurzem ergangen ist, ist noch zu nennen.
Also: Die Staatsorgane haben sich angewöhnt, bei der
Bekämpfung des Terrorismus über fundamentale
Prinzipien der Verfassung hinwegzusehen. Noch schlimmer: Nach den
Entscheidungen des Verfassungsgerichts hat ein Teil der Staatsorgane
die Absicht bekundet, diese Entscheidungen nicht zu respektieren. Also,
zunächst haben sie die Entscheidungen kritisiert; der
Innenminister Schäuble hat beispielsweise zum
Luftsicherheitsurteil gesagt, die Bundesrepublik Deutschland werde
damit zum ”Geisterfahrer” im Vergleich zu anderen
europäischen Staaten. Also - das Bundesverfassungsgericht in
den Augen des Verfassungsministers ein
”Geisterfahrer”. Und der Innenminister Beckstein
aus Bayern hat zum Rasterfahndungsurteil gesagt, dies sei ein schwarzer
Tag bei der Bekämpfung des Terrorismus.
Also, die Reaktion zeigt eine Verachtung gegenüber dem
Gericht; und es kommt noch schlimmer: Der Verteidigungsminister hat
nichts Besseres vor, als nun zu versuchen, die
Verbrechensbekämpfung zum
”Verteidigungsauftrag” zu machen, das
heißt also, das Kriegsrecht bei der Bekämpfung von
terroristischen Verbrechen einzuführen, also der Versuch einer
glatten Umgehung dieses fundamentalen Urteils (zum
Luftsicherheitsgesetz).
Das heißt also, wir sind in einer sehr kritischen Situation,
was diesen Teil der Grundrechte angeht. - Ich würde mir
wünschen - ich sag` das schon seit Jahren - eine bundesweite
Bewegung ”Rettet die Grundrechte”. Wir erleben und
erfahren diesen Prozeß im Grunde seit der Reaktion des
Gesetzgebers auf den RAF-Terrorismus. Also wir sind in einer Phase der
innenpolitischen Aufrüstung seit einigen Jahrzehnten.
Von Kirchbach: Worauf ist denn diese
”Erosion” zurückzuführen - und
wenn Sie sagen, das läuft schon seit ein paar Jahrzehnten,
fällt da der Beginn dieser Phase vielleicht sogar noch in die
Zeit, als Sie selber Innenminister gewesen sind?
Baum: Na gut, ich habe versucht, einen Teil der
Terrorismusgesetze abzubauen, ich habe den
”Radikalenerlaß” 1979 aufgehoben; es gab
da eine Gegenbewegung, wir haben dem Datenschutz wieder zu seinem Recht
verholfen bei der Abwägung zwischen polizeilichen
Ermittlungsnotwendigkeiten und Datenschutz. Die Stimmung hat sich
geändert. Das heißt also, diejenigen, die
”zur Wahrung der Inneren Sicherheit” die
Freiheitsrechte einschränken, können dies ohne
weiteres tun, diejenigen, die die Freiheit verteidigen, müssen
beweisen, warum das notwendig ist. Es ist auch eine
merkwürdige Rechtskonstruktion eines Grundrechts auf Innere
Sicherheit in die Diskussion gekommen seit einigen Jahren; meine
Verfassung kennt ein solches Grundrecht nicht. Innere Sicherheit ist
eine Möglichkeit zur Bewahrung der Freiheit. Also die Freiheit
ist das oberste Grundrecht. Und die Angst wird mit Gefahren
begründet, die zum Teil nur
”gefühlte” Gefahren sind, und auch mit
Gefahren, die man eben nicht ausschließen kann. Auch das
gehört dazu, daß man dem Wähler sagt: Es
gibt Gefahren, die man gar nicht verhindern kann; wir können
die Risiken mindern. Also hier wird einer im Vergleich zur Situation in
den 70er Jahren leider sehr gleichgültig gewordenen
Öffentlichkeit etwas vorgemacht und die
läßt sich regelmäßig
über den Tisch ziehen.
Von Kirchbach: Könnte es sein,
daß auch die Zuspitzung der sozialen Konflikte, zum Beispiel
Massenarbeitslosigkeit, dazu führt, langfristig diese
autoritären Trends zu verstärken?
Baum: Das will ich nicht ausschließen. In
der Gesellschaft gibt es andere Prioritäten; die Menschen sind
von ganz anderen Sorgen geplagt, und die Gesellschaft ist davon
geprägt. Die gesellschaftlichen Milieus driften auseinander;
wachsende Armut, Unterprivilegierung, das hat sicher mit dazu
beigetragen, daß man solchen Themen wie Datenschutz keine so
große Aufmerksamkeit schenkt. Aber das ist ein ganz
gefährlicher Prozeß. Beim Datenschutz
übrigens ist der Prozeß nicht nur im Gange auf
seiten der Staatsorgane, sondern auch auf seiten der
”Privaten”. Die Speicherung des
Verbraucherverhaltens beispielsweise ist eine ganz große
Gefahr.
Das Schlimme ist, daß wir zu einem Volk der
Verdächtigen werden. Wir sind wirklich schon in einem
Überwachungsstaat. Die Fußballweltmeisterschaft hat
das noch einmal deutlich gemacht, wo also Hilfspersonal der
Prüfung des Verfassungsschutzes unterzogen wurde. Der
Radikalenerlaß ist also wieder da für Putzfrauen und
Feuerwehrleute in den Stadien. Weil man die
”Verdächtigen” nicht kennt, bezieht man
also den normalen Bürger ein. Im Grunde müssen wir in
vielen Situationen nachweisen, daß wir nicht
verdächtig sind. Die Verdachtsabhängigkeit von
Fahndung zerrinnt und verliert sich im Nebel. Jetzt wird auf Teufel
komm raus gefahndet. Und die Rasterfahndung nach dem 11. September, die
wir von Anfang an kritisiert haben, die auch nicht wirkungsvoll ist,
keine Erfolge gebracht hat, bezieht eben große Gruppen der
Bevölkerung aufgrund von vagen Merkmalen ein, und das hat das
Verfassungsgericht jetzt gestoppt.
Von Kirchbach: Steckt dahinter nur ein Affekt von
Angst in einer immer komplexer werdenden Welt oder vielleicht doch eine
kalkulierte Konzeption, eine Staatskonzeption, die mit der, die Sie
vertreten, vielleicht nicht mehr allzuviel zu tun hat?
Baum: Ja, es ist merkwürdig. Einerseits
wird dafür plädiert, daß der Einzelne mehr
Verantwortung zu übernehmen habe bei der Altersversorgung, der
Gesundheitsvorsorge beispielsweise, daß der Staat sich also
zurückzieht, andererseits haben wir den bevormundenden,
überwachenden Staat im Bereich der ”Inneren
Sicherheit”, und die neue Bedrohung durch den islamistischen
Terrorismus wird einfach benutzt von den Konservativen, um immer neue
Forderungen zu stellen. Wir haben ja eine Serie von Debatten in der
Geschichte der Bundesrepublik, die immer neue Verschärfungen
der Sicherheitsgesetze gebracht haben. Ich denke an die gespenstische
Debatte über das ”organisierte
Verbrechen”. Monatelang, jahrelang hat man über das
”Organisierte Verbrechen” geredet, keiner
wußte genau, was das ist. Das Verfassungsgericht hat
vergeblich versucht, in einem der Verfahren, die wir geführt
haben, herausarbeiten zu lassen durch die Staatsorgane, was eigentlich
”Organisiertes Verbrechen” ist. Dann gab es
monatelang Debatten über ein Vermummungsverbot. Also, es
brandeten immer neue Wellen der Erregung hoch, und die
größte Erregung der letzten Zeit war eben der 11.
September, und zur Beruhigung wurden diese Schily-Gesetze eingebracht.
Zum Teil sind sie durchaus berechtigt, aber zum Teil sind sie
hochgefährliche Einbrüche in persönliche
Freiheitsrechte - und sind eben Symbolhandlungen: Der
Bevölkerung soll etwas vorgemacht werden.
Von Kirchbach: Sie haben ja zusammen mit Burkhart
Hirsch und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger erfolgreich mehrfach vor
dem Verfassungsgericht geklagt gegen Erosion und Aushöhlung
von Grundrechten. Bei Ihrem nächsten Projekt geht es um ein
Thema mit dem etwas komplizierten Namen
”Vorratsdatenspeicherung bei der
Telekommunikation”. Was ist denn das eigentlich?
Baum: Es ist in Europa beschlossen worden,
daß die Telephonverbindungen, die man speichern kann,
Festnetz wie Handy, festgehalten und gespeichert werden, und zwar auf
eine längere Zeit, und daß dann die
Sicherheitsbehörden bei Bedarf feststellen können,
wer mit wem wann telephoniert hat, und das eben millionenfach, in einem
Verfahren, dem auch das Europäische Parlament zugestimmt hat,
das mir wirklich sehr merkwürdig erscheint. Eine kritische
Diskussion hat hier wirklich zuwenig stattgefunden, und der Bundestag
steht vor der Frage, ob er dem zustimmt. Die Bundesregierung hat
zugestimmt, die europäischen Parlamentarier haben zugestimmt,
also ich wehre mich dagegen und sehe darin einen massiven Eingriff in
die Grundrechte, die ja nicht nur eine nationale, deutsche, Dimension
haben, sondern auch eine europäische Dimension. Es gibt einen
europäischen Grundrechtskatalog, der sich herausgearbeitet
hat. Und weil es ein europäischer Rechtsakt ist, bereiten wir
mit anderen zusammen eine Klage beim Europäischen Gerichtshof
vor. Das Verfassungsgericht in Deutschland wird erst
zuständig, wenn es ein deutsches Gesetz gibt. Jetzt geht es
erst um die Zustimmung zur (europäischen) Richtlinie und noch
nicht um ein deutsches Gesetz.
Von Kirchbach: Worin besteht denn die konkrete
Grundrechtsgefahr bei dieser Vorratsdatenspeicherung?
Baum: Die Gefahr besteht darin, daß der
Schutz des Persönlichkeitsrechts, das das Recht jedes
Einzelnen umfaßt, zu kommunizieren, nicht privat bleibt,
sondern auch bei Unverdächtigen, bei allen, die telephonieren,
festgehalten wird. Und auch, wenn Vorkehrungen getroffen sind,
daß die Daten nicht hemmungslos benutzt werden
können, ist der Umfang der Speicherung und der
Anlaß, die Dauer der Aufbewahrung, anfechtbar.
Von Kirchbach: Sind wir denn in den Augen
derjenigen, die solche Konzepte konstruieren, sozusagen allesamt
potentielle Verbrecher?
Baum: Ja, so sieht es aus, nicht wahr. Also hier
wird eine Totalprotokollierung der Telekommunikation vorgenommen, und
das kann man nur tun, wenn man sagt, wir gehen zunächst einmal
davon aus, daß ihr alle in Frage kommt. Wir sind wirklich auf
dem Weg in einen Überwachungsstaat. Ich habe lange
gezögert, eine solche Aussage zu machen, aber wir werden unser
blaues Wunder erleben. Wir sind weit über Orwell hinaus. Der
ja noch die Schreckensvision hatte, daß durch Kameras auf
öffentlichen Plätzen unsere Bewegungen kontrolliert
werden - das geschieht ja auch schon.
Ich sage voraus, daß alles, was irgendwie technisch
möglich ist, eines Tages unter diesem Druck, Sicherheit
herzustellen, die gar nicht herzustellen ist, gemacht werden wird.
Also, ich nenne Ihnen ein Beispiel. Wenn ich jetzt unter einer
Mautbrücke auf der Autobahn herfahre, stelle ich mir vor,
daß ich künftig dort registriert werde.
Es werden die Fahrten registriert, auf Vorrat, sag ich Ihnen voraus;
das wird geschehen, weil man sagt, man kann sie eines Tages nutzen; bei
einem Banküberfall in Köln kann man dann darauf
zurückgreifen, wer ist diese Strecke gefahren, und dann hat
man aus tausenden Autos möglicherweise einen. Das
heißt also, die technische Innovation wird benutzt, die
Effizienz der Inneren Sicherheit voranzutreiben. Das sind zum Teil ganz
untaugliche Mittel, und es sind vor allen Dingen Mittel, und da greife
ich auf die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts in unseren
Sachen zurück - Luftsicherheitsgesetz, Wanze in der Wohnung -,
die ihre Grenze nicht dort finden, wo das Verfassungsgericht und die
Verfassung die Grenze sehen, nämlich beim Schutz der
Menschenwürde. Nicht alles, was zum Erfolg der Strafverfolgung
beitragen kann, darf gemacht werden. Nicht jedes Gespräch in
der Wohnung darf abgehört werden, auch,
wenn man damit die Chance hätte, einen Täter zu
überführen. Das heißt also, es gibt
Grenzen. Wir haben eine Dominanz des Sicherheitsdenkens bei unseren
Politikern. Übrigens haben die Grünen beim
Luftsicherheitsgesetz mitgemacht, nicht, es ist keineswegs so,
daß das nur die Konservativen machen, von dem SPD-Mitglied
Schily mal ganz zu schweigen.
Die FDP hat sich sehr zurückgehalten, hat in den letzten
Jahren nicht mehr zugestimmt. Ich hoffe, daß die Parteien in
der Opposition jetzt Tritt fassen und endlich die Große
Koalition auf diesem Gebiet kontrollieren. Was sie zur Zeit mit dem BND
machen, ist kümmerlich. Die politische Verantwortlichkeit
für die Eingriffe, die verfassungswidrigen Eingriffe in die
Pressefreiheit, muß festgestellt werden. Das darf nicht unter
den Teppich gekehrt werden. Also, ich hoffe, daß durch
ständiges Bohren doch ein stärkeres
öffentliches Bewußtsein für diese
Bedrohungen der Freiheit entsteht. Es ist nicht da.
Von Kirchbach: Stichwort Menschenwürde.
Möchten Sie sich vielleicht auch zur beobachtbaren Entgrenzung
des Foltertabus äußern?
Baum: Wir haben ja eine Serie von
merkwürdigen, gefährlichen Diskussionen. Wir haben
Maßnahmen gehabt bei der Einschränkung des
Datenschutzes, wir haben eine Vielzahl von Beschränkungen der
Pressefreiheit gehabt in den letzten Jahren, nicht nur in dem BND-Fall;
und wir haben eben eine Folterdiskussion gehabt, die erschreckend ist.
Weil nämlich auch von namhaften Verfassungsrechtlern, einigen
wenigen, die Meinung vertreten wurde, unter gewissen Umständen
sei Folter gerechtfertigt. Da gibt es diesen Begriff der sogenannten
”Rettungsfolter”. Wenn man also jemanden retten
kann, müßte es doch möglich sein, Folter
anzuwenden. Wenn man diese Tür zur Folter nur ein kleines
bißchen aufmacht, ist man bereits in Teufels Küche.
Das darf auf keinen Fall geschehen. Ich will jetzt nicht die ganzen
Gegenargumente vortragen, aber ein Staat, der foltert, ist in meinen
Augen unvorstellbar. Er muß in Kauf nehmen, daß er
bestimmte Dinge nicht zur Kenntnis bekommt, die er
möglicherweise, aber auch nur möglicherweise,
erfährt, wenn er foltert. Wobei auch ganz praktische Fragen
eine Rolle spielen: Wer foltert denn? Welcher Arzt beobachtet das? Wie
weit darf Folter gehen? Darf man einem zu Folternden das Bein brechen,
das wächst ja wieder zusammen? Gibt es dann
”Folter-Kammern” bei den Landgerichten, die
anordnen, wie Folter stattzufinden hat? Man muß sich die
Abstrusität der Situation vor Augen führen! Aber in
der Bevölkerung gab es durchaus eine Stimmung, die angesichts
der Kindesentführung in Frankfurt gesagt hat: Warum nicht? Und
dem müssen wir entschieden entgegenwirken.
Von Kirchbach: Sie haben vor ein paar Monaten im
Kölner Schauspielhaus bei einer Veranstaltung zur Situation
der ”Papierlosen”, also illegaler MigrantInnen,
recht leidenschaftlich dazu aufgerufen: ”Es wird Zeit,
daß wir endlich für unsere eigenen Grundrechte auf
die Straße gehen!” Als ehemaliger Innenminister:
Das haben Sie doch wohl ernst gemeint?
Baum: Das meine ich ernst, das habe ich wiederholt
in den letzten Jahren gesagt. Und es ist ja geradezu absurd, wenn wir
von einbürgerungswilligen Menschen einerseits zu Recht
Verfassungstreue verlangen und auf der anderen Seite geradezu
systematische Verfassungsmißachtung auf Seiten der
Staatsorgane sehen. Das paßt doch nicht zusammen. Was wir als
- ich nenne jetzt mal das Wort, das mir nicht gefällt, und das
ich auch nicht definieren kann - wenn wir von
”Leitkultur” reden, dann sind das doch in erster
Linie die Grundsätze unserer Verfassung. Auch das Element des
Sozialstaates, das in der Verfassung drinsteckt, das Element des
säkularen Staates, in dem keine Kirche staatliche
Entscheidungen dominiert. Also, alles das, was in den Grundrechten
drinsteckt, dieses Erbe der Aufklärung. Diese Entwicklung, die
die Bundesrepublik in den letzten sechzig Jahren genommen hat,
muß doch bewahrt werden und darf nicht leichtfertig aufs
Spiel gesetzt werden, wie das in den letzten Jahren geschehen ist,
immer wieder geschehen ist bei der Bekämpfung des Verbrechens.
Und ich finde auch bedauerlich, daß nur ein Teil der
öffentlichen Meinung diese Themen für wichtig
hält. Es gibt eine unendliche Schwatzhaftigkeit über
die Befindlichkeit unserer Republik, ob wir uns nun wohl
fühlen sollen, ob ”wir Deutschland sind”,
und alle möglichen Anzeigenserien und manchmal wirklich
einfältigen Aktionen werden gemacht, ob wir ”stolz
sein” dürfen auf unser Land und unter welchen
Voraussetzungen. Ich würde mir wünschen,
daß wirklich einmal eine große Kampagne stattfindet
”Rettet die Grundrechte”, wo also auch Leute, die
gehört werden - z.B. der PEN-Kongreß, habe ich
nichts davon gehört, nun gut, es war ein internationaler
PEN-Kongreß. Aber der PEN-Kongreß hätte
sich beispielsweise damit befassen können, daß der
Menschenrechtsschutz durch die Bekämpfung des Terrorismus
großen Schaden nimmt, weil die Bekämpfung des
Terrorismus in vielen Fällen das Menschenrechtsthema
wegdrückt.
Es reicht schon, wenn ein Staat den El-Qaida-Terrorismus
bekämpft, und schon läßt man ihn in Ruhe.
Beispiel Lybien etwa oder Beispiel Saudi-Arabien. Das heißt
also, der Menschenrechtsschutz, das beklagen auch die
Menschenrechts-Organisationen, ist wirklich international in einer
Krise durch die Terrorismus-Bekämpfung. Das hätte
intoniert werden müssen. So wichtig es ist, die Gefahren zu
benennen, die von Amerika ausgehen in der Auseinandersetzung mit dem
Iran, aber unsere Verantwortung für den weltweiten
Menschenrechtsschutz, die muß hier eine Rolle spielen. Ich
bin zum Beispiel seit Jahren tätig, um diese Massenverbrechen
in Dhafour zum Gegenstand der Kritik zu machen, und Vorschläge
zur Verhinderung. Diese größte humanitäre
Katastrophe, die zur Zeit existiert, fordert unsere politische und
diplomatische Aktion und auch, wenn nötig, den Einsatz unserer
Bundeswehr, was hier ja nur sehr zögernd gesehen wird,
daß man zum Menschenrechtsschutz nicht nur Resolutionen
verabschiedet und Hilfslieferungen in Flüchtlingslager
schickt, sondern auch Frieden herstellt und Frieden zu bewahren hat in
Situationen, wo Regierungen die eigene Bevölkerung
massakrieren und nicht mehr schützen.
Von Kirchbach: Nun haben wir ja jetzt insgesamt ein
sehr pessimistisches Bild gezeigt; sehen Sie aber auch Ansätze
zur Hoffnung, zu einer etwas positiveren Prognose?
Baum: Also, es gibt eine stark interessierte
Minderheit in unserem Lande; der Grundrechtsreport wird ja von so einer
Bewegung getragen, auch die Menschenrechtsorganisationen sind hier zu
nennen. Und die Tatsache, daß beim Luftsicherheitsgesetz
sechs Bürger in der Lage waren, ein ganzes Gesetz zu kippen.
Das Urteil des Gerichts lautet: ”1. Das Luftsicherheitsgesetz
mit seinen Paragraphen soundso ist nichtig, gehört also in den
Papierkorb. 2.: Den Beschwerdeführern werden die notwendigen
Auslagen erstattet.” Das war das Urteil. Und das haben drei
Juristen und drei Flugkapitäne erstritten. Die
Möglichkeit, daß sechs Bürger die Mehrheit
des Bundestages und den Bundesrat in die Schranken weisen
können, das ist ein ganz positives Element zum Schutz der
Grundrechte. Das Verfassungsgericht ist hier unentbehrlich. Und es
findet hier ein Prozeß statt, den ich bei der Reaktion auf
das Luftsicherheitsgesetz gespürt habe, vom Taxifahrer bis zum
Universitätsprofessor. Nun war das auch eine Materie, die
leicht vermittelbar war, also es gab sehr viel Zustimmung, und die
Menschen haben gesagt: Es war ganz wichtig, daß Sie da was
unternommen haben. Und wir werden das fortsetzen.
Von Kirchbach: Sie sagten, das
Bundesverfassungsgericht ist unverzichtbar, und Sie werden Ihre
Aktivitäten fortsetzen. Aber wäre nicht auch mehr
Engagement der Leute, der Bürger, wie es so schön
heißt, selber unverzichtbar?
Baum: Ja, ich kann die Frage nicht
endgültig beantworten, warum die Bürger so
gleichgültig sind. Sie sind ein bißchen aufgewacht,
als sie merkten, daß der Staat oder die Finanzämter
sehr viel leichter an ihre Konten kommen. Das hat sie zeitweise
beunruhigt, aber die Beunruhigung ist schon wieder verraucht. Ich
meine, daß eine freiheitliche Gesellschaft, auch wenn sie im
Großen und Ganzen stabil ist, immer wieder gegen Erosion
geschützt werden muß. Und dieser
Erosionsprozeß, den wir jetzt erleben bei einem Teil der
Grundrechte, ist so noch nie da gewesen. Das muß den Menschen
immer wieder gesagt werden, und dann hoffe ich, daß das Thema
auch bei Wahlen eine größere Rolle spielt. Das ist
eine Möglichkeit der Bürger, auf politische
Entscheidungen Einfluß zu nehmen, diejenigen zu
wählen, die diese Gefährdung ernst nehmen.
Von Kirchbach: Wer wäre das jetzt?
Baum: Ich will hier keine Wahlempfehlung geben, wir
stehen weit vor einer Wahl. Aber bisher hat es jedenfalls keine Rolle
gespielt, das Thema wurde ruhig gestellt; die SPD hat sich sehr
bemüht, keine Angriffsflächen zu geben. Schily ist
weit über das Ziel hinausgeschossen; ich fürchte,
daß das in der jetzigen Großen Koalition so
weitergeht. Die Art, wie die BND-Affäre, was die politische
Verantwortlichkeit angeht, vertuscht werden soll,
läßt Schlimmes befürchten. Also - hoffen
wir auf eine muntere Opposition zunächst mal.
__._,_.___